Acht Menschen sterben im Feuer

11.03.13 - 20:00 - Martin Frank
Backnang. Eine 40-jährige Mutter und sieben ihrer zehn Kinder sind am frühen Sonntagmorgen bei einem Brand in Backnang gestorben.
Laut Polizeichef Ralf Michelfelder gibt es bisher keine Hinweise auf einen fremdenfeindlichen Anschlag. Polizei und Staatsanwaltschaft haben nichts gefunden, was auf Brandstiftung hindeuten würde.

Ein Anwohner, der den Brand zuerst bemerkt hatte, trat noch die Wohnungstür ein, um den Eingeschlossenen zu helfen. Vermutlich war es zu diesem Zeitpunkt schon zu spät. Als die Feuerwehr sieben Minuten nach dem Alarm am Brandort eintraf, schlugen bereits Flammen aus einem geborstenen Fenster.

In der Wohnung in der Wilhelmstraße im alten Backnanger Gerberviertel lebte eine türkischstämmige Großfamilie. Sieben der zehn Kinder im Alter von sechs Monaten bis 16 Jahren und die Mutter sind tot. Der Vater lebt. Er war in der Brandnacht nicht zu Hause. Eine elfjährige Tochter der Familie, ein Onkel und die Großmutter der Kinder hatten sich rechtzeitig auf eine balkonähnliche Bebauung retten können. Die Feuerwehr konnte alle drei dort herunterholen. Zwei der drei Geretteten mussten stationär ins Krankenhaus.

„Relativ sicher“: Keine Einwirkung von außen

In diesem Backnanger Viertel leben sehr viele türkischstämmige Bürger. Aus diesem Grund kam die Befürchtung auf, es könnte sich um einen fremdenfeindlichen Anschlag handeln. Polizeichef Ralf Michelfelder nannte am Brandort mehrere Gründe, warum Stand gestern Mittag nichts dafür spreche: Die Türen seien verschlossen gewesen. Das Feuer sei wohl in der Wohnung entstanden, nicht im Treppenhaus. „Relativ sicher“ habe „keine Einwirkung von außen“ stattgefunden, so Michelfelder am Mittag vor der Presse. Allem Anschein nach hatte ein technischer Defekt oder der Holzofen in der Wohnung den Brand ausgelöst. Gestern Abend hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung der Staatsanwaltschaft Stuttgart und der Polizeidirektion Waiblingen, es sei „absolut ungesichert“, dass der Ofen zum Brand geführt habe: „Die Ermittlungen in diesem Zusammenhang dauern mit Sicherheit noch einige Tage, wenn nicht Wochen. Anhaltspunkte für eine Einwirkung von außen liegen nach den bisherigen Erkenntnissen nicht vor.“

Der türkische Generalkonsul Mustafa Türker Ari sprach gestern Mittag vor der Presse den Ermittlungsbehörden sein Vertrauen aus und bedankte sich ausdrücklich bei der Stadt Backnang und den Feuerwehren für deren „sehr schnellen Einsatz“. Ein Journalist hatte den Generalkonsul gefragt, ob er angesichts der Pannen im Zuge der Ermittlungen um die Morde der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) das Vertrauen in die Behörden verloren habe.

Den Angehörigen der Opfer sagte der Generalkonsul Unterstützung zu. Innenminister Reinhold Gall traf am Nachmittag am Brandort ein. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der türkische Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu kündigten ihren Besuch für den Abend an, um mit Angehörigen zu sprechen und ihr Beileid zu bekunden.

Familienvater: „Ich glaube, ich würde durchdrehen“

Um den Brandort hatte sich bereits in den frühen Morgenstunden eine Vielzahl türkischstämmiger Bürger versammelt. Am Mittag standen die Menschen in Gruppen zusammen, tauschten eine stumme Umarmung, drückten sich fest die Hände, weinten. „Ich glaube, ich würde durchdrehen“, sagte Burhan Kir, der den Vater der toten Kinder, einen „gutmütigen Menschen“, gut kennt. Der Mann sei arbeitslos, die Familie lebte in sehr einfachen Verhältnissen, so Kir. Er überlegt, mit anderen zusammen Spenden zu sammeln für die Hinterbliebenen. „Die Anteilnahme ist groß. Wir halten zusammen.“ Was die Brandursache angehe, wolle man „lieber mal abwarten“, nun auf keinen Fall in Vorurteile verfallen und einen rechtsextremen Hintergrund in Betracht ziehen. Vielmehr gingen die Umstehenden gestern davon aus, dass der Ofen in der Wohnung den Brand verursacht hat – was noch unklar ist.

Daniel Köngeter, Kommandant und Einsatzleiter der Feuerwehr Backnang, beschrieb die Situation am Brandort als „sehr unübersichtlich“. Sehr enge Flure, alles massiv verraucht, Zwischenwände aus Holz, keine Abtrennung zum Dachgeschoss – das Feuer konnte sich unter solchen Umständen sehr schnell ausbreiten. „Es war kein Vordringen ins Gebäude mehr möglich“, beschreibt Daniel Köngeter die Situation am frühen Sonntagmorgen.

Im Gebäudekomplex befinden sich außer der Wohnung der betroffenen Familie Räume des deutsch-türkischen Familien- und Kulturvereins, ein Getränkehandel und Gastronomie. Dort hielten sich, als das Feuer ausbrach, noch zahlreiche Menschen auf, wie es gestern hieß. Die Feuerwehr konnte sie alle evakuieren.

Gestern Vormittag lag noch deutlicher Brandgeruch in der Luft. Der Gehweg übersät mit zerbrochenen Ziegeln, nur noch Reste vom Dach übrig, schwarze Löcher statt Fenster im ersten Obergeschoss. Durchnässte, erschöpfte Feuerwehrleute. Überall Polizei, Absperrbänder, Feuerwehrfahrzeuge. „Warum lässt Gott das zu?“, fragt einer der Nachbarn.

Nur ein paar Häuser weiter befindet sich die Backnanger Moschee. Direkt gegenüber wohnt Lore Dieterich. Sie kannte die Menschen nicht, die ganz in der Nähe im Feuer starben. „Wir wissen auch nur, was sie im Radio erzählen.“

Unterdessen informieren Polizei, Feuerwehr, Oberbürgermeister, der türkische Generalkonsul, der Landesbranddirektor und andere die Presse über das „besonders tragische Brandereignis“, wie der Backnanger Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper sagte. Nopper äußerte gegenüber den Betroffenen seine „tief empfundene Anteilnahme“.

Quelle:
Winnender Zeitung vom 11.03.2013

Eine Brandkatastrophe. (Bild: Beytekin, ZVW)

120 Feuerwehrleute waren im Einsatz. (Bild: Beytekin, ZVW)

Um 4.30 Uhr am Sonntag früh war der Alarm eingegangen. (Bild: Beytekin, ZVW)

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der türkische Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu und Generalkonsul Mustafa Türker Ari (v.r.) informierten sich vor Ort und sprachen ihre Trauer aus. (Bild: Habermann, ZVW)

Dateien:

Winnender_Zeitung_2013_03_11.pdf