Seit 2009 gilt ein bundesweites Raketenstartverbot nahe bei alten Gebäuden, aber die Gefahr bei Neubauten ist auch groß
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Von unserem Redaktionsmitglied Martin Schmitzer
Winnenden. Wenn es auf Silvester zugeht, dann denkt der Oberbürgermeister oft an den Marktplatz, das Alte Rathaus und an die wertvollen Archivbestände in dem alten Gebäude mit Holzfachwerk. Hartmut Holzwarth hat einmal in der Winnender Zeitung ein Foto gesehen, auf dem sich eine Steigrakete Richtung Fachwerkhaus neigt. Ein Mann startet sie gerade. Damals ist nichts passiert.
"Ich kann mich nicht erinnern, dass in den letzten 20 Jahren ein Fachwerkhaus an Silvester gebrannt hätte", sagt Feuerwehrkommandant Harald Pflüger. Pures Glück? Kann sein. Besonnenheit der Hobbyfeuerwerker auf dem Marktplatz? Das sollte man nie völlig ausschließen. Oder ist es technisch sowieso unmöglich, dass eine Steigrakete einen Brand auslöst? Oh nein! Das Risiko fliegt in jeder Rakete mit. Ganz sicher ist gar nichts, was mit Sprengstoff, Glut und Feuer zu tun hat.
Angenommen, jemand startet eine Rakete am Marktplatz mit Richtung Altes Rathaus. Wenn sie senkrecht hochgeht, völlig intakt ist, verglüht sie vollständig, bevor sie fällt, und die Gefahr ist weg. Angenommen, sie fliegt Richtung Fachwerk, hat einen leichten Schaden und trägt deshalb noch einen Rest von Glut im Fall mit sich herum, wird's brenzlig. Landet die Glut auf Dachziegeln oder in einer Kupferregenrinne, verglüht sie. Landet sie auf Fachwerkholz, das seit 300 Jahren trocknet, findet die Glut Nahrung. Harald Pflüger kennt die Fachwerkhäuser. In der Stadt sind die meisten sehr gut saniert, haben keine Öffnungen mehr, kaum Flächen, auf denen Glut länger liegen könnte. So brandgefährdet wie ein Reetdachhaus sind sie nicht. Aber man weiß nie.
Der Schacht als Resonanzkörper ist ein Brandrisiko
Schorndorf und andere Städte haben Raketenstarts im Altstadtbereich verboten. Winnenden hat dazu nichts formuliert. Aber seit 2009 gilt das bundesweite Verbot von Steigraketen in der Nähe von Fachwerkhäusern. "Deshalb haben wir kein eigenes Verbot", sagt OB Holzwarth. Wird die Stadt in der Silvesternacht eine Streife auf den Marktplatz schicken, um das Archiv zu schützen? "Es ist nicht möglich, das alles zu überwachen", sagt OB Holzwarth, "wir können nur an die Vernunft der Feiernden appellieren. Wenn etwas passiert, hat derjenige, der die Rakete gezündet hat, ein Gesetz übertreten und ist dann ganz anders haftbar."
Das Böllern an Silvester ändert sich. "'S wird nemme so viel gschossa wie früher", sagt Feuerwehrkommandant Harald Pflüger. Er hofft, dass die Nacht auf den 1. Januar wieder so feucht wird wie in den letzten beiden Jahren. Dann sind die Wiesen, Sträucher und Gründächer feucht und brennen nicht so leicht. Denn trockene Grashalme und Zweige sind eine echte Brandgefahr. Gefährlich ist, dass junge Leute gerne den lauten Knall für wenig Geld suchen. Sie werfen Böller in Schächte oder Tiefgaragen, wo vielleicht Brennbares liegt, trockenes Laub oder Altpapier.
Vor ein paar Jahren machte die Winnender Feuerwehr die Erfahrung, dass in Lange Weiden ein modernes Haus durch herunterfallende Glut entzündet wurde. Glut landete auf einem Balkon, der, wie das heute oft üblich ist, voll mit Möbeln, Tüchern und leicht brennbaren Abdeckfolien lag. Das könnte auch an Silvester passieren. Die Folie nimmt das Feuer aus der Rakete auf, brennt vor sich hin, bis sich ein Möbelstück entzündet. Es wird heißt, die Balkonfenster bersten. Eine Gardine steht in Flammen und bald eine ganze Wohnung oder ein Haus.
Harald Pflüger fährt in der Silvesternacht fast immer seine Runden und erlebt, dass ihm Böller unters Auto geworfen werden, dass Leute in Gruppen Knaller zünden und sie sehr spät erst abwerfen. Dann fährt er in die Notaufnahme der Kliniken, früher in Waiblingen, jetzt in Winnenden: "Da sieht man dann junge Leute mit von Splittern beschädigten Händen, Verletzungen und Hörschäden." Meist, weil Böller oder Raketen aus der Hand gezündet wurden - aus Übermut.
Wenn Kinder Raketen finden
- Eine gewisse Tücke hat der Neujahrstag, wenn die Blindgänger herumliegen und von Kindern gefunden werden. Und wenn die Kinder einen Start probieren.
- Einmal flog in Winnenden so eine Rakete hoch und hatte im freien Fall noch Glut in sich, weil sie beschädigt war.
- Mit der Glut landete sie auf einem ausgetrockneten Grasdach, das in hellen Flammen brannte. Manchmal kommt die Gefahr erst, wenn man denkt, sie wäre schon vorbei.
Quelle: Winnender Zeitung vom 29.12.2014
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 Raketenstart direkt bei Fachwerkhäusern auf dem Winnender Marktplatz: Seit 2009 verboten. Archivbild: Bernhardt, Montage: ZVW (Winnender Zeitung) |
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