Heruntergerissene Dachziegel, umgestürzte Bäume, eingedellte Autos und Stromausfälle – die Folgen von Sturmtief Gonzalo
|
Winnenden und Umgebung. „Hat jemand unsere Grillabdeckung vorbeifliegen sehen?“, fragte am Dienstagabend gegen 20 Uhr ein Winnender in einem Facebook-Chat. – Nein, die wurde nicht gesichtet, dafür aber Mülltonnen, Gartenmöbel, Äste und manch anderes, was der Wind an den Häusern und Wohnungen vorbeiwehte. Wohl dem, der drinnen war – wenn auch teilweise ohne Strom – denn draußen knickten reihenweise die Bäume.
Am schlimmsten erwischt hat es zwei Häuser in Leutenbach-Weiler zum Stein. Der Sturm hat die alte riesige Linde im Kirchgarten in der Mitte entzweigeschlagen und eine Hälfte stürzte auf die beiden angrenzenden Häuser. 20 Feuerwehrmänner waren von 19.48 bis 1.30 Uhr damit beschäftigt, den Baum Stück für Stück von den Dächern herunterzusägen. „Da war sehr viel Spannung drauf“, berichtet der Leutenbacher Feuerwehrleiter Jochen Weller, „wir mussten unheimlich aufpassen, denn der 40 Zentimeter dicke Stamm hätte jederzeit hin und her schlagen können.“ Zu Beginn der Räumungsarbeiten war außerdem unklar, ob die andere Hälfte des Baumes stehen bleibt ober ebenfalls umfällt. Dazu der weiterhin heftige Wind. „Gott sei Dank ist alles gutgegangen. Niemand wurde verletzt, auch die Bewohner der Häuser nicht.“
Nachbarn helfen mit einem Dach über dem Kopf aus
Es befand sich nämlich gerade niemand in den Dachgeschossen, als die Linde fiel, und so kamen die Hausbewohner mit einem Schock davon. Seelisch aufgefangen und während der Arbeiten der Feuerwehr auch gastfreundschaftlich aufgenommen wurden sie von Nachbarn und Bekannten. Als die Feuerwehr die Stabilität der Dachbalken und Wände bestätigte und das Dach mit einer Folie abdeckte, konnten sie sogar zu Hause in ihren eigenen Betten schlafen.
In Leutenbach waren außerdem noch zehn Feuerwehrleute im Einsatz, um eine Bauabzäunung am Löwenplatz von der Nellmersbacher Straße wegzuschaffen, und drei Männer räumten einen umgestürzten Baum auf dem Friedhof in Nellmersbach auf.
Stromausfälle durch auf Leitungen fallende Bäume
In Berglen beschädigte ein umstürzender Baum ein fahrendes Auto, verletzt wurde niemand. In Schwaikheim konnten neben einigen Dachziegeln auch sechs Bäume den Windstärken nicht standhalten. Ein Baum brach zwischen Schwaikheim und Winnenden, vier am Bachlauf des Zipfelbachs, und einer riss unterhalb der Winnender Kläranlage eine Stromleitung runter. Weil Bäume auf die Leitungen fielen, kam es in der Gegend zu Stromausfällen zwischen einer halben und anderthalb Stunden. Laut Süwag-Pressestelle hatten Teile Berglens und Winnendens keinen Strom, weil verschiedene Hochspannungsleitungen beschädigt wurden, und in Schwaikheim und Leutenbach waren es die Freileitungen des Ortsnetzes, die durch vom Winde verwehte Bäume keine Energie mehr lieferten. Am Dienstagabend noch wurde die Stromversorgung durch Netzumleitungen wieder ermöglicht, und am Mittwoch sah man vielerorts Mitarbeiter des Stromversorgers, die Bäume aus den Freileitungen schnitten und abgerissene Stromleitungen reparierten.
Dachziegel fliegen leider auch auf zahlreiche Autos
„Echt ärgerlich“, findet ein Bewohner im Veilchenweg am Mittwochmorgen, als er gerade mit Panzertape eine Plastikplane über das klebt, was von der Heckscheibe seines Autos übrig geblieben ist. Nicht viel. Dachziegel hat der Sturm vom Hausdach gerissen und auf sein Auto geschleudert. Den Wagen vor ihm hat’s genauso fies erwischt – einen Smart, dessen ganzes Dach mit Plastiksäcken provisorisch abgedeckt ist. In den Straßen des Wohngebiets Pfützen (zwischen Baumschule Wöhrle und Feuerwehrgerätehaus) sind einige Dachdeckerfirmen unterwegs, jede von ihnen hat am Mittwoch zwischen zehn und 15 Aufträge.
„Hier beim Buchenbach scheint der Sturm am heftigsten gewütet zu haben, jedenfalls was Winnenden angeht“, sagt Bauhofleiter Sven Gleich. Er steht in der Wiesenstraße, in der gerade der zweite Laster mit Gehölz abfährt. Denn hier am Buchenbach neben dem Feuerwehrhaus hat der Wind eine große Weide abgeknickt. Sechs Bauhofmitarbeiter sind am Vormittag damit beschäftigt, die Baumteile von der Straße zu räumen und auf einer Hebebühne stehend die oberen, geknickten Äste des Baumes stückweise abzutragen, damit er wieder stabil steht.
Spur der Schäden ähnelt denen nach einer Windhose
Feuerwehrkommandant Harald Pflüger bestätigt den Eindruck, dass das Sturmtief scheinbar sehr punktuell gewütet hat. Gonzalo sei wie eine Windhose schräg über die Bahnhofstraße reingekommen, dann über Gerber- und Mühltorstraße über den Burgweg Richtung Birkmannsweiler gezogen, beschreibt Pflüger. Seine Spur sei an den Schäden deutlich zu erkennen. Zum Beispiel in der Alfred-Kärcher-Straße, in der ein Dach fast gänzlich abgedeckt wurde. Beim Jugendhaus kippte der Sturm den Schornstein um und das 500 Kilogramm schwere Ding drohte abzustürzen. Eine zehn Meter lange Umrandung eines Flachdaches (Dachverwahrung) zog der Wind von einem Firmengebäude in der Marktstraße. Und so weiter, und so weiter. „Wenn ich die Schäden im Stadtgebiet überschlage, gibt es etwa 100 Dächer mit abgehobenen Ziegeln oder Ähnlichem und circa 20 umgestürzte Bäume.
16 Einsätze Dienstagnacht in Winnenden
Die Sturmwarnung bekamen die Feuerwehrleute am Dienstag um 18.45 Uhr vom Deutschen Wetterdienst, um 19.05 Uhr gingen kreisweit die ersten Notrufe ein, um 19.36 Uhr der erste in Winnenden. Ein umgestürzter Baum. Es folgte ein Notruf nach dem anderen. 29 Feuerwehrleute waren in der Kernstadt neunmal im Einsatz, ebenfalls 29 rückten siebenmal in die Stadtteile Hertmannsweiler, Höfen-Baach, Bürg und Birkmannsweiler aus. Bis nachts um 1.15 Uhr hievten sie Bäume von Straßen und aus Stromleitungen heraus. Und Mittwoch waren sie auch wieder im Einsatz, achtmal. Sie sicherten Dächer, an denen noch lose Ziegel oder Verkleidungen gefährlich wackelig hingen, wie zum Beispiel an der Kastenschule, in der die Kinder aber trotz Unwetterschäden in den Unterricht konnten. Vorbereiten könne man sich auf so einen Sturm nicht, sagt Harald Pflüger. Auf 80 Prozent der Sturmwarnungen folge gar kein Sturm. Und wenn er doch kommt und mit ihm die Notrufe, dann ist die Feuerwehr ohnehin startklar und innerhalb von vier Minuten auf dem Weg zum Einsatzort.
Quelle: Winnender Zeitung vom 23.10.2014
|
|
 Der Sturm spaltete eine alte Linde in Weiler zum Stein, eine Hälfte fiel auf die Häuser. Die unverletzten Bewohner konnten nach mehr als fünf Stunden Räumungsarbeiten in ihre Wohnungen zurück. (Bild: ZVW) |
|