Internationale Zufalls-Mischung

06.09.14 - 17:41 - Martin Frank
Romane aus den USA, Russland und Großbritannien, eine Biografie aus Frankreich und ein deutsches Märchen
Von unserem Redaktionsmitglied Regina Munder

Winnenden. Der Zufall hat den Vorleseabend im Schlosspark zu einem internationalen Literaturzirkel gemacht: Die bis zuletzt geheim gehaltenen Lieblingsbücher der diesjährigen Prominenten stammen aus England, Russland, den USA und Frankreich - und zur guten Nacht gibt's ein deutsches Märchen.

Das Licht ist langsam aus dem Schlosspark gewichen und hat den Kerzen das Feld überlassen. Nur eine Leselampe taucht Isolde Halters Gesicht und das Buch auf ihrem Schoß in warmes Licht. Lebendig trägt die letzte Leserin das Märchen vor, der Zuhörer genießt, kuschelt sich in die mitgebrachte Decke und sieht Fledermäuse zwischen den Silhouetten der alten Bäume umherflattern.

In die andächtige Stimmung passen die zarten spätbarocken Klänge des Hornquartetts um Viola Schmitzer. Sie studiert das Instrument in Berlin und hat die Stücke des Abends ausgesucht - die Jungs studieren eigentlich Luft- und Raumfahrttechnik, Maschinenbau und BWL. Als Zugabe spielen sie ein Fantasie-Quartett mit bekannten Melodien aus dem "Freischütz", viele im Publikum summen mit.

Die Queen liest beim Winken, bei King ist die Zeit der Bösewicht

Das Organisationsteam wählt fünf Leser aus fünf Sparten aus und überlässt ihnen, was sie vorstellen wollen. "Es ist wie eine olympische Ehre, wie beim Nobelpreis", erklärt Willi Halder, der "Winnenden-liest"-Stamm-Moderator, mit gewohntem Humor und besonderem Pointen-Einfallsreichtum.

Heidi Schilling spart sich die Vorrede und legt gleich mit dem Geniestreich des Briten Alan Bennett los: Er erzählt von der Queen, die keine Vorlieben hat, bis sie sich von einer mobilen Leihbücherei zum Literaturlesen verführen lässt. Ohne Vorurteile, sie ist schließlich eine lupenreine Demokratin, liest sie alles, was ihr in die Finger kommt. Auch während des Winkens von der Kutsche aus. Heidi Schilling wählt eine köstliche Szene aus, bei der die Sicherheitsleute der Queen eine Bombe unterm Polster vermuten, während sie im Oberhaus spricht. "Ja, ein Buch ist ein Sprengsatz, um die Fantasie freizusetzen", sagt Queen-Heidi.

Daniel Bahner und Philipp Essich stellen Romane vor, deren Autoren eine überbordende Fantasie haben - und ihre Einfälle in spannende Geschichten verpacken. Beim russischen Autor Andrej Kurkow treiben sich die skurrilen Begebenheiten rund um einen Pinguin und einen Freund bei der Mafia gegenseitig voran. Stephen King stellt in seinem Mystery-Thriller die Frage, ob man mit Hilfe einer Zeitmaschine das Attentat gegen John F. Kennedy hätte verhindern können. "Die Vergangenheit wehrt sich nach Kräften gegen die Veränderung. Die Zeit ist in diesem Buch der Bösewicht", sagt der Pfarrer, der mit dem 1000-seitigen Schmöker das dickste Buch in der Winnenden-liest-Geschichte vorgestellt hat.

Wie eine Autobiografie liest sich der beachtliche Lebenslauf der stolzen Coco Chanel. Doch Domenica Müllers Lieblingsbuch geschrieben hat ein Schriftsteller. Seine poetischen Beschreibungen (zum Beispiel die Stelle "alles an mir war schwarz, die Haare, die Haut, das Herz") passen zu dieser besonderen Persönlichkeit.

Lieblingsbücher
  • Stadtführerin Heidemarie Schilling hat "Die souveräne Leserin" von Alan Bennett vorgestellt.
  • Jugendfeuerwehrwart Daniel Bahner las aus "Picknick auf dem Eis" von Andrej Kurkow.
  • Pfarrer Philipp Essich empfahl "Der Anschlag" von Stephen King.
  • Modeboutiquebesitzerin Domenica Müller hatte "Die Kunst, Chanel zu sein" von Coco Chanel und Paul Morand gewählt.
  • Die ZfP-Personalratsvorsitzende Isolde Halter las das Märchen "Das Zwergenmützlein" aus der Sammlung von Ludwig Bechstein.
Quelle: Winnender Zeitung vom 06.09.2014

Die Vorleser vom 4. September (von links): Heidi Schilling, Daniel Bahner, Domenica Müller, Philipp Essich und Isolde Halter. Bild: Schneider (Winnender Zeitung)

Das Kesselrain-Quartett (von links): Thomas Herzig, Viola Schmitzer, Oliver Schnorr, Christoph Stuhler. Bild: Schneider (Winnender Zeitung)

Titelseite der Winnender Zeitung vom 06.09.2014 (Bild: Winnender Zeitung)

Dateien:

Winnender_Zeitung_2014_09_06.pdf
Stuttgarter_Zeitung_2014_09_06.pdf