Zentimeterarbeit an der grünen Fassade

07.04.14 - 20:58 - Martin Frank
Hauptübung der Winnender Feuerwehr erstmals am und im Gesundheitszentrum beim neuen Kreisklinikum
Fabian drückt einen Knopf, und die Drehleiter fährt ihn vier Stockwerke hoch, ganz nah an die grünen und gelben Wände des Gesundheitszentrums. Es dauert keine Minute, bis er oben schwebt bei der Hauptübung der Winnender Feuerwehr am nagelneuen Gesundheitszentrum.

Im vierten Stock quillt Rauch aus dem Fenster, drei Kinder kreischen „Hiiiilfe!“ Der 20-jährige Feuerwehrmann Fabian Richter muss sie rausholen. Nur am Übungstag oder auch im Ernstfall? Immer. Das ist seine Aufgabe. Auch wenn es wirklich brennt, wenn es Nacht ist, wenn Wind weht und wenn hinter dem Rauch die Hitze größer wird. Aber am Samstag ist Übung. Jeder Feuerwehrmann und jeder Rot-Kreuz-Sanitäter stellt sich selbst auf die Probe.

Übungsannahme: Es brennt im Ärztehaus. Stadtbrandmeister Harald Pflüger will seinen Gästen zeigen, was passiert, wenn jemand den Feuermelder im Ärztehaus drückt: Die Brandschutztüren schließen sich. Die Dachluken im Treppenhaus öffnen sich. Aber er drückt den Knopf dann doch nicht. In Waiblingen ist ein Großbrand ausgebrochen. Die Winnender sind alarmiert. Jetzt darf die Hauptübung nicht so scharf ausgelöst werden wie geplant.

Das Publikum versammelt sich an der Bushaltestelle. Die Winnender Feuerwehr bietet alle Frauen und Männer und alle Fahrzeuge auf, die nicht in Waiblingen gebraucht werden. Von zwei Seiten umstellen sie das schicke, grün-gelbe Gebäude. Mit Abstand zum brennenden Haus geht die Drehleiter in Position, fährt die Stützen aus. Oben brüllen die Jungs aus dem rauchenden Raum. Aber erst muss der Wagen sicher stehen, bevor die Rettung, gesteuert von Fabian, naht. Er steuert nicht alleine. Am unteren Ende der Leiter sitzt Wolfram Bohn als Copilot, der andere Gefahren sieht als der Mann im Korb, und der plötzlich das Absenken bremst, weil der Korb sonst zu nahe an den Aluminiumkasten der Jalousien gerät. Oben zeigt Fabian auf die Fassadenplatten. Die sind offenbar aus Glas. Er lässt eine Lücke zwischen Fenstersims und Rettungskorb – da müssen die zu Rettenden drüber.

Zwei Gruppen der Feuerwehr sind bereits mit Atemschutz ins Gebäude gegangen, suchen Raum für Raum systematisch ab, fragen die Leute im Gebäude. Pläne haben sie vom Haus. Aufgefundene bekommen Schutzmasken und werden von Feuerwehrleuten aus dem Gebäude begleitet.

Eine dritte Gruppe der Winnender Feuerwehr hat inzwischen die Wasserversorgung sichergestellt, Schlauchleitungen gelegt vom ZfP-Betriebshof und von der Elisabeth-Selbert-Straße her. Die ersten Geretteten werden gerade aus dem Rettungskorb geborgen und von DRK-Sanitätern abgeholt – da bläht sich mit einem „Blopp“ ein Schlauch zu ihren Füßen. Der Wasserdruck ist da.

Die Maskenbildner haben einen „offenen Bruch“ hingeschminkt

Die „Geretteten“ schauspielern unterschiedlich gut, können sich nicht immer das Lachen verkneifen und gehören alle 18 der Jugendfeuerwehr an. Wahrscheinlich wird eines Tages einer von ihnen die Drehleiter steuern, so wie Fabian, der die Jungs sicher nach unten bringt. Wahre Maskenbildnerkunstwerke haben die Leute vom Roten Kreuz vollbracht. Der zehnjährige Tom ist total blass, guckt leidend und erschüttert, denn aus seinem Unterarm rinnt in breiter Bahn das rote Theaterblut, und ein Stück Knochen (in Wahrheit ein Hölzle) ragt heraus. Ein offener Bruch. Petra Fleischer und Stefan Reess vom Roten Kreuz halten ihn, legen ihn auf eine Trage, verbinden ihn und transportieren ihn zu einem der Rettungswagen, in denen die Schwerverletzten behandelt werden: „So etz krigsch no a Schbritz gege die Schmerza – vom Dokter. Der kommt glei.“

Weitere „Verletzte“ treffen ein. Rollstuhlfahrer werden aus dem Haus begleitet. Behinderte, die oben vom Feuer eingeschlossen sind, werden mit der Rettungsleiter geholt. Eine Trage am Rettungskorb kann ganz nah ans Fenster gefahren werden. Von innen hebt ein Sanitäter den Verletzten auf die Trage. Es ist Schwerstarbeit. Fabian weiß, dass der Rettungskorb sich senkt, wenn ein Mann mit 80 Kilo gerettet wird. Zehn Zentimeter über dem Jalousienkasten lässt er deshalb den Korb stehen. Es klappt. Kein Kratzer in der Hochglanzfassade. Keine Delle im Alu. Das DRK hat für die „Leichtverletzten“ ein Zelt aufgeblasen. Das „Feuer“ ist gelöscht. Die Lage entspannt sich rund um die Klinik in Winnenden.

Quelle: Winnender Zeitung vom 07.04.2014

Feuerwehrleute begleiten Personen aus dem "brennenden" Haus. (Bild: ZVW; Bernhardt)

In wenigen Sekunden oben: Die Drehleiter (Bild: ZVW; Bernhardt)