Stoische Gelassenheit, großer Dank

11.06.13 - 19:49 - Florian Claß
Ankunft in Meißen: Die Rems-Murr-Feuerwehren packen mit an. Die Trupps in der Altstadt ziehen von Haus zu Haus und pumpen Keller aus. Dankbare Bewohner spendieren Kuchen – und überall wird geschafft.
Schief und aus den Verankerungen gerissen stehen die Heizkörper vor den weißen zimmerhohen Fenstern. Der Parkettboden weißt riesige Löcher auf, wölbt sich gleich einer kleinen Hügellandschaft unter den schweren Schuhsohlen der Feuerwehrmänner, die das Hotel „Goldener Löwe“ in Augenschein nehmen. „Das Wasser hat hier den Boden einfach angehoben“, sagt Kommandant Harald Pflüger, zuständig für die Einsatzkräfte der Feuerwehren Waiblingen, Winnenden und Winterbach. „Da sieht man mal, was das für Kräfte sind.“ Seine Einsatztruppe inspiziert gerade den Keller des großen Gebäudes. Sie stehen vor einer Betontreppe, die nach drei Stufen im braunen Brackwasser verschwindet. An der Wand ist ein Kronleuchter auszumachen, halb ragen die Lampen aus dem Wasser heraus, der Rest verschwindet. Hier in der Altstadt von Meißen hat das Hochwasser auch den goldenen Löwen schwer getroffen. Noch stehen gekühlte Speisekammer und Aufzugtechnik im Keller komplett unter Wasser.

Um hier in der überschwemmten Porzellanstadt zu helfen, haben sich die Feuerwehren Kernen. Murrhardt, Remshalden, Schorndorf, Waiblingen, Winnenden und Winterbach am Sonntag ‘gen Osten aufgemacht und pumpen schon einen Tag später mit schwerem Gerät und großen Fahrzeugen Keller in der Altstadt aus. Beispielsweise den der Stadtbibliothek. Ein Generator dröhnt unentwegt, um die beiden Pumpen am Arbeiten zu halten. Aus Schläuchen sprudelt Wasser auf die Pflastersteine und im Hintergrund schiebt eine Gruppe Meißener Bewohner mit Besen und Schaufeln den Schlamm aus dem Erdgeschoss. – Das Leben hat die ehemals überflutete Altstadt wieder fest im Griff – aber an Alltag ist hier nicht zu denken. Allmählich kehren die Bewohner nach der Evakuierung in ihre Häuser zurück, um das Ausmaß des Hochwassers in Augenschein zu nehmen. Häuserfassaden, Türen und Fenster werden geputzt, nasse, unbrauchbare Einrichtungsgegenstände aus den Fenstern auf große Haufen geworden. Vor den Häusern in den Straßen nahe der Elbe schieben Putzkolonnen die Sedimentablagerungen zusammen, riesige Müllberge türmen sich auf den Gehwegen. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen, jeder trägt, schippt und schaufelt etwas. Und dazwischen schuften die Rems-Murr Feuerwehren.

„Wir zeigen Solidarität. Es geht um die Leute“

Sie pumpen einen Keller nach dem anderen aus, schleppen Schläuche und Rohre. Hoch motiviert sind sie. Schon früh morgens im Sammelquartier waren die Ersten lange vor der Abfahrt auf den Beinen. 41 Einsatzkräfte haben sich vom Arbeitgeber zwei bis drei Tage freistellen lassen, um gegen das Hochwasser zu kämpfen. Einer von ihnen ist Olaf Schirmer aus Winnenden. „Wir zeigen damit Solidarität und dass wir das Richtige geübt haben zu Hause. Man kann etwas tun. Es geht um die Leute. So hat man auch ein gutes Gewissen, geholfen zu haben.“ Auch Thomas Schwarz aus Winnenden geht es nicht um Ruhm und Ehre. „Wir wollen helfen, dass die Leute hier in Meißen so schnell wie möglich wieder ihren Alltag aufnehmen können.“ Wichtig ist den Kräften aus dem Rems-Murr-Kreis auch, dass sie die Kameraden aus Meißen unterstützen: „Die Rettungskräfte hier vor Ort sind seit Tagen im Einsatz. Die sind froh um etwas Entlastung“, sagt Kreisbrandmeister Andreas Schmidt, der den Einsatz in Meißen koordiniert. „Jeder versucht hier einfach sein Bestes zu geben.“

Das sehen auch die Bewohner so. An manchen Straßenecken haben sie kleine Tischchen mit Kuchen oder Keksen und Kaffee aufgebaut. „Hier kann man sich einfach bedienen“, freut sich Schmidt. „Die Menschen kommen direkt auf einen zu, Berührungsängste gibt es hier nicht.“ Schon am Mittag fragen fast im Minutentakt Bewohner an und bitten sie, ihre Keller auszupumpen oder anderweitig zu helfen. „Wir kommen gut voran“, sagt Harald Pflüger.

Eine Kleinigkeit bereitete den Rems-Murr-Feuerwehren dennoch ein wenig Sorgen: Einige Keller seien zur Zeit des zweiten Weltkriegs miteinander verbunden worden, stellt Jochen Wolf fest, Kommandant der Feuerwehr Waiblingen, „Wir haben hier viele zweistöckige Keller, von denen wir nicht wissen, wie weit sie überhaupt führen. Da kann es sein, wir arbeiten daran und es tut sich nichts, da wir unter vier Häusern gleichzeitig Wasser abpumpen.“

So schnell sich das Elbwasser mittlerweile zurückzieht, so klar werden auch die Schäden sichtbar, die die Flut hinterlassen hat. Besonders betroffen sind die Häuser direkt an der Elbe. Jörg Schlechte, Hotelbesitzer am Theaterplatz, Meißens tiefstem Platz, steht vor den Trümmern seiner Existenz: „Wenn keine finanzielle Hilfe von außen kommt, dann war’s das.“ Sein Hotel war noch vor ein paar Tagen ausgebucht - bis die Flut kam. Durch das Hochwasser ist die Frühjahrssaison für ihn vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. „Wie soll man das wieder hereinholen? Im Winter kommt keiner nach Meißen.“

Die Solidarität sei groß. Überall helfe man, packte mit an, jetzt mehr denn je. Dennoch: „Nur hinterher stehen wir trotzdem mit nichts da.“ Den Keller in seinem Hotel braucht er nicht auspumpen zu lassen. Der wurde von den Vorbesitzern vorsorglich zugeschüttet. Kurz vor der Flut 2002 hatte Schlechte das Hotel übernommen. Momentan steht er vor seinem Haus immer noch knietief im Wasser, so wie jeder, der über den Theaterplatz möchte. Aufgeschwemmte Windeln, Plastikflaschen, Mülltonnen schwimmen an einem vorbei. Dennoch geht es weiter: Die ersten Bewohner tragen schon die Sandsäcke vor ihren höher gelgegenen Häusereingängen ab.

„So ein Hochwasser ist den Leuten nicht fremd“, sagt Kreisbrandmeister Schmidt. „Sie nehmen es mit einer gewissen stoischen Gelassenheit auf. In so einem Ausmaß gibt es das hier zwar nicht regelmäßig, man kennt es aber und hat es erwarten können.“

„Ja, man merkt einfach, dass man helfen kann“

Und nun haben die Meißener die Helfer aus ganz Deutschland erwartet. Christian Althaler vom DLRG Landesverband Sachsen ist schon seit über einer Woche hier: „Bei all dem Schlimmen, dass die Menschen hier erfahren, es gibt auch bewegende Momente. Als wir einmal spätabends auf Patrouille durch die Straßen gingen, das Wasser bis zum Bauchnabel, standen auf einmal viele Bewohner vor ihren Häusern und haben einfach nur geklatscht.“ Auch kleine Wunder scheint es zu geben. Eine Geburt habe er miterleben dürfen und Barbesitzer kennengelernt, die jeden Abend im Kerzenschein, das Wasser bis zu den Knien, den Barbetrieb ihrer Kneipe aufrechterhielten, um den Menschen einen Anlaufpunkt zu bieten. Auch das kennt Schmidt vom Rems-Murr-Trupp: „Ja, man merkt einfach, dass man helfen kann und dass die ganze Arbeit einen Sinn hat.“  Und deshalb werden sie auch weitermachen. Bis Mittwoch hoffen sie, fertig zu sein. Zwar mussten sie die Arbeit in der Stadtbibliothek unterbrechen, da der Grundwasserspiegel so hoch wie das Wasser im Keller war, das Wasser wäre also wieder hineingelaufen. Doch auch Harald Pflüger lässt keine Zweifel daran, dass bald alle Keller leer sind: „Dann kommen wir halt später oder morgen wieder. Wir sind zum Schaffen da.“

Quelle: Zeitungsverlag Waiblingen

Eine Delegation der Feuerwehren aus dem Kreis hilft beim Aufräumen nach der Flutkatastrophe im Partnerlandkreis Meißen. (Bild: Benjamin Büttner, ZVW)

(Bild: Benjamin Büttner, ZVW)

(Bild: Benjamin Büttner, ZVW)

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Winnender_Zeitung_2013_06_11.pdf