So viele Notrufe sind vermutlich noch nie in so kurzer Zeit bei der Leitstelle eingegangen
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Waiblingen. Was für eine Nacht. Altstadtfest in Waiblingen, Facebook-Party in Backnang, quälende Schwüle. Es kracht heute noch, hieß es überall. Der Sturm fetzte dann mit unerwarteter Wucht vor allem durch den Raum Waiblingen. Vermutlich noch nie sind so viele Notrufe in so kurzer Zeit in der Leitstelle eingegangen.
Für neun Besucher endete das Altstadtfest nicht bloß mit klatschnassen Kleidern. Sie erlitten Verletzungen, vier von ihnen schwere, meldet die Polizei. Offenbar hatten Besucher des Altstadtfests entweder nichts von den Unwetterwarnungen mitbekommen oder sie nicht ernst genommen. Als sich der Himmel verdunkelte, Starkregen einsetzte und Böen mit deutlich über 100 Stundenkilometern durch die Straßen fegten, entstand mancherorts regelrechte Panik. Längst nicht jeder schaffte es, rechtzeitig unter ein schützendes Dach zu gelangen. Zelte stürzten ein und in einem Festzelt neben der Rundsporthalle erlitt eine Frau Verletzungen, als sie von einer Stahlstange getroffen wurde.
Das Stauferspektakel am Bürgerzentrum in Waiblingen ist gestern abgesagt worden: Zu viele Sturmschäden. Die Schorndorfer, die dieses Wochenende ebenfalls einen Mittelaltermarkt beherbergten, hat’s lange nicht so schlimm erwischt. Die Marktbeschicker dort schlossen nach der Unwetterwarnung rechtzeitig ihre Stände und packten alles wetterfest weg.
Autofahrer von umgestürzten Bäumen eingeklemmt
In der Waiblinger Leitstelle, in der die Notrufe eingehen, liefen am Samstagabend innerhalb kürzester Zeit Meldungen zu 170 Einsatzstellen im Kreisgebiet auf. Schwerpunkte waren Waiblingen und Umgebung, berichtet Kreisbrandmeister Andreas Schmidt. An der alten Bundesstraße zwischen Winnenden und Schwaikheim hatten die Böen gleich mehrere Bäume umgerissen. Autofahrer konnten weder vor noch zurück. Sie aus ihrer Zwangslage zu befreien, zählte zu den Aufgaben mit hoher Priorität.
In zwar nicht gefährlicher, aber doch misslicher Lage fanden sich S-Bahn-Reisende wieder, als die Bahn plötzlich mitten auf der Strecke stehen blieb. Gleich drei Züge waren laut Andreas Schmidt betroffen. Aus einer Bahn zwischen Schwaikheim und Waiblingen geleitete die Feuerwehr auf Höhe Erbachhof die Fahrgäste aus der Bahn über die Gleise zum nächstgelegenen trockenen Ort. Nahe Nellmersbach blieb eine Bahn stecken, in der überwiegend Gäste der Backnanger Facebook-Party saßen (siehe folgende Seite). Eine weitere S-Bahn, die auf Höhe Maubach steckengeblieben war, konnte nach einer Weile zurück nach Backnang fahren.
„Diese Windböen haben uns richtig zu schaffen gemacht“
Nicht die Wassermassen wie beim Sturm Ende Mai 2008 haben diesen Samstag die Feuerwehren die ganze Nacht beschäftigt. „Diese starken Windböen haben uns diesmal richtig zu schaffen gemacht“, sagt Andreas Schmidt. Baustellenabschrankungen flogen durch die Gegend, Gartenpavillons gingen zu Bruch, Dächer wurden teilweise abgedeckt. Mit 16 Wassereinbrüchen, etwa in Kellern, hatte es die Feuerwehr zu tun. Doch am meisten Arbeit bereiteten all die umgestürzten Bäume. Solche hatten Oberleitungen der S-Bahnen beschädigt, so dass gestern weder Rems- noch Murrbahn noch die S-Bahn Richtung Backnang fahren konnte. Die alte B 14 zwischen Winnenden und Schwaikheim blieb gestern ebenfalls noch gesperrt. „Furchtbar sieht’s hier aus“, beschreibt eine Schwaikheimer Bürgerin ihren Garten. Ihren Nachbarn hat’s noch schlimmer getroffen; in dessen Garten hat der Sturm einen Baum umgeknickt, alles ist übersät mit Blättern und abgebrochenen Ästen. Punktuell ging am Samstag auch Hagel nieder, etwa in Schwaikheim, berichtet Ernst Häcker, erster Vorstand des Erwerbsobstbaurings Waiblingen. In jenen Ertragsanlagen, die er am Sonntag angeschaut hat, sind ihm keine Schäden aufgefallen. An alten Obstbäumen etwa in Korb, Großheppach oder rund um den Erbachhof sind indes eine ganze Reihe Äste abgebrochen. Die Bäume tragen bereits Früchte; das alte, morsche Holz hat damit allein schon genug zu tun. Einem so heftigen Wind wie am Samstag konnten die alten Bäume dann nicht mehr standhalten.
Wetterwarnungen
- Welchen finanziellen Schaden der Sturm im Rems-Murr-Kreis angerichtet hat, vermochte die Polizei gestern noch nicht zu sagen: „Er beträgt aber mit Sicherheit mehrere Zehntausend Euro.“
- 33 Abteilungen der Feuerwehren im Rems-Murr-Kreis waren am Samstagabend und in der Nacht auf Sonntag im Einsatz, berichtet Kreisbrandmeister Andreas Schmidt.
- Dass die Vielzahl der Einsätze recht flott bewältigt werden konnte, führt er auf die gute Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und allen anderen Beteiligten, etwa des Rettungsdienstes und der Polizei, zurück.
- Am Sonntag hatten Feuerwehren und andere Einsatzkräfte noch immer alle Hände voll zu tun, um die Schäden zu beseitigen. Von immer noch 70 Einsatzstellen am Sonntagvormittag sprach Andreas Schmidt gestern.
- Der Deutsche Wetterdienst gibt Unwetterwarnungen heraus, abrufbar unter www.wettergefahren.de. „Hauptziel ist es, alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland rechtzeitig über gefährliche Wettererscheinungen zu informieren und damit Gefahren für Leib und Leben wenn irgend möglich abzuwenden“, wirbt der Deutsche Wetterdienst für seinen Service. Unter mobil.dwd.de erhalten Interessierte die Warnungen in einer fürs Mobiltelefon optimierten Darstellung.
Quelle: Winnender Zeitung vom 02.07.2012
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 Die Böen pfiffen mit solcher Wucht durch die Gassen, dass Zelte auf dem Waiblinger Altstadtfest nicht standhalten konnten. (Bild: Habermann, ZVW)  Nichts ging mehr: Umgestürzte Bäume beschädigten Oberleitungen, so dass Züge auf offener Strecke stehen blieben wie hier zwischen Schwaikheim und Neustadt-Hohenacker. Feuerwehr und Rotes Kreuz geleiteten die Fahrgäste aus dieser Bahn zu Fuß zum nächstgelegenen Bahnhof. (Bild: Habermann, ZVW)  Die Feuerwehr muss Straßen freiräumen. (Bild: Habermann, ZVW)  Das Stauferspektakel am Bürgerzentrum Waiblingen musste für Sonntag abgesagt werden. (Bild: Büttner, ZVW) |
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